eE06.6 Partizip
Zur Definition der Partizipien im Dt.:
- Das Partizip (Mittelwort) „lösend/ gelöst“, ist ein von dem Verb „lösen“ gebildetes Nomen,
es wird also dekliniert wie ein Adjektiv, etwa „eine lösende Arznei“.
Dabei kann es seine verbalen Eigenschaften beibehalte, z.B. ein AO und ein Adv. bei sich tragen:
„Die den Schleim schnell lösende Arznei“.
Das Partizip verbindet also Eigenschaften des Verbs und des Adjektivs. - Das dt. Partizip I „lösend“ ist ein Part.Pr.A. Es bezeichnet eine sich gerade vollziehende Eigenschaft
und kann 1.) als Attribut und 2.) als Prädikativum gebraucht werden.
α) Der essende Student sitzt in der Mensa.
β) Der Student sitzt essend in der Mensa. - Das Dt. kennt anders als das Gr. kein Part.Pr.P, sondern
das dt. Partizip II „gelöst“, „gegessen“ ist allenfalls Part.Perf.P und hat zugleich andere Funktionen:- Es kann ein Part.Perf.P sein und bezeichnet einen erreichten Zustand oder eine abgeschlossene Handlung.
α) attributiv „Er legt den benutzten Löffel auf den Teller.“
β) prädikativ: „Der Löffel liegt benutzt auf dem Teller.“ - Mit dem Hilfsverb „sein“ bildet es die Temporalform Perfekt Passiv: „Der Löffel ist benutzt“
oder, wenn es sich um ein intransitives Verb handelt, das Tempus Perfekt Aktiv: „Ich bin gelaufen“. - Mit dem Hilfsverb „werden“ dient es zur weiteren Tempusbildung im Passiv:
Pr.: „Der Löffel wird benutzt.“ – Prät.: „Er wurde benutzt.“ – Perf.: „Er ist benutzt worden.“ usw. - Mit dem Hilfsverb „haben“ bildet es aber auch Temporalformen im Aktiv.
Perf./Plqperf.: „Der Student hat/hatte den Löffel benutzt“ usw.
- Es kann ein Part.Perf.P sein und bezeichnet einen erreichten Zustand oder eine abgeschlossene Handlung.
Da sind die alten Sprachen, wie wir sehen werden, sehr viel unkomplizierter.
Das gr. Partizip Pr.A (=Partizip I) im syntaktischen Zusammenhang und seine Übersetzungen:
- Das Part.Pr.A als substantiviertes Partizip: ὁ τὸ αἴνιγμα λύων πόνον ἔχει:
- wie im Gr.: „Der das Rätsel Lösende hat Mühe.“
- mit Relativsatz: „Derjenige, der das Rätsel löst, hat Mühe.“
- Das Part.Pr.A als Attribut: ὁ τὸ αἴνιγμα λύων παῖς πόνον ἔχει oder ὁ παῖς ὁ τὸ αἴνιγμα λύων πόνον ἔχει:
- wie im Gr.: „Der das Rätsel lösende Junge hat Mühe.“
- mit Relativsatz: „Der Junge, der das Rätsel löst, hat Mühe.“ Der Relativsatz vertritt das Attribut.
- Das Part.Pr.A als Prädikativum: ὁ παῖς τὸ αἴνιγμα λύων πόνον ἔχει:
- wie im Gr.: „Der Junge, das Rätsel lösend, hat Mühe.“ oder besser: „Das Rätsel lösend, hat der Junge Mühe.“
- mit Adverbialsatz: „Indem/ während/ als/ weil/ obwohl er das Rätsel löst, hat der Junge Mühe.“
- mit präpositionalem Ausdruck: „Beim/ während des/ wegen des/ Rätsellösen/s hat der Junge Mühe.“
- mit beigeordnetem Hauptsatz: Der Junge löst das Rätsel und hat dabei/deswegen/trotzdem Mühe.
Welche Konjunktion oder Präposition (und damit welche logische Verknüpfung) wir wählen, entscheiden wir aufgrund des Kontexts. Auch hier ist das Gr. weit weniger kompliziert.
Das gr. Partizip Pr.P enspricht nicht unserem Partizip II; denn das Dt. kennt kein Part.Pr.P:
- Das Part.Pr.P als substantiviertes Partizip: τοῖς καλῶς τρεφομένοις χαίρομεν.
- wie im Gr. nicht möglich, denn „Über die gut Ernährten freuen wir uns “ ist falsch übersetzt.
Denn das dt. Partizip II bezeichnet einen erreichten Zustand: Sie sind da bereits „gut ernährt“;
Das gr. Part.Pr.A bezeichnet aber eine sich vollziehende Eigenschaft: Sie werden gerade gut ernährt.
Grammatisch richtig, aber stilistisch verboten müsste es heißen: „Über die Gut-ernährt-Werdenden …“. - mit Relativsatz kann man korrekt übersetzen: „Über diejenigen, die gut ernährt werden, freuen wir uns.“
- Das Part.Pr.P als Attr.: τοῖς καλῶς τρεφομένοις παιδίοις χαίρομεν/ τοῖς παιδίοις τοῖς καλῶς τρεφομένοις χαίρομεν
- wie im Gr. geht nicht, denn „Über die gut ernährten Babys freuen wir uns“. Begründung s. oben 1a)
2. Beispiel: τῷ λυομένῳ αἰνίγματι πόνον ἔχομεν oder τῷ αἰνίγματι τῷ λυομένῳ πόνον ἔχομεν.
„Durch das gelöste Rätsel haben wir Mühe“? Nein, nicht mehr, wenn es schon gelöst ist. - mit Relativsatz kann man korrekt übersetzen: „Über die Babys, die gut ernährt werden, freuen wir uns.“
2. Beispiel: „Durch das Rätsel, das <gerade> gelöst wird, haben wir Mühe.“
- Das Part.Pr.P als Prädikativum: καλῶς τρεφομένοις τοῖς παιδίοις χαίρομεν
- wie im Gr. geht hier nicht: „Gut genährt über die Kinder freuen wir uns.“ (denn falscher Bezug zum Subjekt)
2. Beispiel: λυομένῳ τῷ αἰνίγματι πόνον ἔχομεν. „Gelöst durch das Rätsel haben wir Mühe“ - mit Adverbialsatz: „Indem/ während/ wenn/ weil/ obwohl sie gut ernährt werden, freuen wir uns über die Babys.
2. Beispiel: „Indem/ während/ wenn/ weil/ obwohl es gelöst wird, haben wir Mühe mit dem Rätsel. - mit präpositionalem Ausdruck: „Über die gute Ernährung der Babys freuen wir uns.“
2. Beispiel: „Während der Lösung des Rätsels haben wir Mühe.“ - mit beigeordnetem Hauptsatz: Das Rätsel wird gelöst und dabei/deswegen haben wir Mühe.
Welche Konjunktion oder Präposition (und damit welche logische Verknüpfung) wir wählen, entscheiden wir aufgrund des Kontexts.
- wie im Gr. geht hier nicht: „Gut genährt über die Kinder freuen wir uns.“ (denn falscher Bezug zum Subjekt)
Das Zeitverhältnis beim Part.Pr. und Part.Aor.
- Der Präsensstamm hat die Aktionsart durativ,
und so drückt das Part.Pr. (wie im Dt.) die Gleichzeitigkeit zur übergeordneten Zeitstufe aus.
Wenn also das übergeordnete Verb in der Vergangenheit steht, dann bezeichnet es auch die Vergangenheit:
ὁ τὸ αἴνιγμα λύων παῖς πόνον εἶχε: Das das Rätsel lösende Kind/ Das Kind, das das Rätsel löste, hatte Mühe.
ὁ παῖς τὸ αἴνιγμα λύων πόνον εἶχε: Das Rätsel lösend/ Als es das Rätsel löste, hatte das Kind Mühe. - Der Aoriststamm hat die Aktionsart punktuell, d.h. ingressiv oder resultativ,
und so drückt das Part.Aor. häufig resultativ die Vorzeitigkeit aus.
Wenn also das übergeordnete Verb in der Vergangenheit steht, dann bezeichnet das Part.Aor. die Vor-Vergangheit:
ὁ τὸ αἴνιγμα λύσας παῖς ἔχαιρε: Das das Rätsel gelöst habende/ Das Kind, das das Rätsel gelöst hatte, freute sich.
ὁ παῖς τὸ αἴνιγμα λύσας ἔχαιρε: Das Rätsel gelöst habend/ Als es das Rätsel gelöst hatte, freute sich das Kind.
(s. eE06.10 Imperfekt und Aorist)