Hdt.1.32.9-1.36.3 Protokoll zum 17.09.23

Zeit: 10:00 – 12:00 Uhr             -           Ort: online
anwesend: Caren, Holger, Friedrich

Wir beginnen mit einem Ausblick. Nach der Nemesis-Geschichte von Kroisos werden wir noch den Schwank im 2. Buch der Herodot-Historien lesen, der von Heinrich Heine kongenial in Versform gebracht wurde. Hier als Vorgeschmack:

Hdt.2.121 > Heinrich Heine

Rhampsenit

Als der König Rhampsenit
Eintrat in die goldne Halle
Seiner Tochter, lachte diese,
Lachten ihre Zofen alle.

Auch die Schwarzen, die Eunuchen,
Stimmten lachend ein, es lachten
Selbst die Mumien, selbst die Sphinxe,
Daß sie schier zu bersten dachten.

Die Prinzessin sprach: Ich glaubte
Schon, den Schatzdieb zu erfassen,
Der hat aber einen toten
Arm in meiner Hand gelassen.

Jetzt begreif ich, wie der Schatzdieb
Dringt in deine Schatzhauskammern,
Und die Schätze dir entwendet,
Trotz den Schlössern, Riegeln, Klammern.

Einen Zauberschlüssel hat er,
Der erschließet allerorten
Jede Türe, widerstehen
Können nicht die stärksten Pforten.

Ich bin keine starke Pforte,
Und ich hab’ nicht widerstanden,
Schätzehütend diese Nacht
Kam ein Schätzlein mir abhanden.

So sprach lachend die Prinzessin,
Und sie tänzelt im Gemache,
Und die Zofen und Eunuchen
Hoben wieder ihre Lache.

An demselben Tag ganz Memphis
Lachte, selbst die Krokodile
Reckten lachend ihre Häupter
Aus dem schlammig gelben Nile,

Als sie Trommelschlag vernahmen
Und sie hörten an dem Ufer
Folgendes Reskript verlesen
Von dem Kanzeleiausrufer:

Rhampsenit, von Gottes Gnaden
König zu und in Ägypten,
Wir entbieten Gruß und Freundschaft
Unsern Vielgetreu’n und Liebden.

In der Nacht vom dritten zu dem
Vierten Junius des Jahres
Dreizehnhundertvierundzwanzig
Vor Christi Geburt, da war es,

Daß ein Dieb aus unserm Schatzhaus
Eine Menge von Juwelen
Uns entwendet; es gelang ihm,
Uns auch später zu bestehlen.

Zur Ermittelung des Täters
Ließen schlafen wir die Tochter
Bei den Schätzen — doch auch jene
Zu bestehlen schlau vermocht’ er.

Um zu steuern solchem Diebstahl
Und zu gleicher Zeit dem Diebe
Unsre Sympathie zu zeigen,
Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe,

Wollen wir ihm zur Gemahlin
Unsre einz’ge Tochter geben
Und ihn auch als Thronnachfolger
In den Fürstenstand erheben.

Sintemal uns die Adresse
Unsres Eidams noch zur Stunde
Unbekannt, soll dies Reskript ihm
Bringen Unsrer Gnade Kunde.

So geschehn den dritten Jänner
Dreizehnhundertzwanzigsechs
Vor Christi Geburt. — Signieret
Von Uns: Rhampsenitus Rex.

Rhampsenit hat Wort gehalten,
Nahm den Dieb zum Schwiegersohne,
Und nach seinem Tode erbte
Auch der Dieb Ägyptens Krone.

Er regierte wie die andern,
Schützte Handel und Talente;
Wenig, heißt es, ward gestohlen
Unter seinem Regimente.

 

 

Übersetzung:

[9] ὃς δ᾽ ἂν αὐτῶν πλεῖστα ἔχων διατελέῃ καὶ ἔπειτα τελευτήσῃ εὐχαρίστως τὸν βίον, οὗτος παρ᾽ ἐμοὶ τὸ οὔνομα τοῦτο ὦ βασιλεῦ δίκαιος ἐστὶ φέρεσθαι. σκοπέειν δὲ χρὴ παντὸς χρήματος τὴν τελευτήν, κῇ ἀποβήσεται· πολλοῖσι γὰρ δὴ ὑποδέξας ὄλβον ὁ θεὸς προρρίζους ἀνέτρεψε.’

Wer aber sein Leben hindurch am meisten davon hat und dann sein Leben in glganzvoll vollendet, der ist nach meiner Meinung diesen Namen, mein König, zu tragen berechtigt. Und man muss von allen Dingen das Ende betrachten, wie einer stirbt. Denn schon vielen gab der Gott reiches Glück und doch verdarb er sie von Grund auf.

[33.1] ταῦτα λέγων τῷ Κροίσῳ οὔ κως οὔτε ἐχαρίζετο, οὔτε λόγου μιν ποιησάμενος οὐδενὸς ἀποπέμπεται, κάρτα δόξας ἀμαθέα εἶναι, ὃς τὰ παρεόντα ἀγαθὰ μετεὶς τὴν τελευτὴν παντὸς χρήματος ὁρᾶν ἐκέλευε.

Mit diesen Worten war er Kroisos keinesfalls gefällig, noch würdigt er ihn keines Wortes und schickt ihn fort, in der sicheren Meinung, dass töricht sei, wer das gegenwärtige Gut missachtend aufforderte, auf das Ende jeden Falles zu sehen. 

[34.1]μετὰ δὲ Σόλωνα οἰχόμενον ἔλαβέ ἐκ θεοῦ νέμεσις μεγάλη Κροῖσον, ὡς εἰκάσαι, ὅτι ἐνόμισε ἑωυτὸν εἶναι ἀνθρώπων ἁπάντων ὀλβιώτατον. αὐτίκα δέ οἱ εὕδοντι ἐπέστη ὄνειρος, ὅς οἱ τὴν ἀληθείην ἔφαινε τῶν μελλόντων γενέσθαι κακῶν κατὰ τὸν παῖδα.

Nach der Abreise Solons erfasste Kroisos eine schlimme Vergeltung von Gott, wie zu vermuten, weil er glaubte, er sei von allen Menschen der glücklichste. Und sogleich erschien ihm ein Traum, der ihm die Wahrheit zeigte der Übel, die zukünftig geschehen geschehen sollten bezüglich seines Sohnes.

[2] ἦσαν δὲ τῷ Κροίσῳ δύο παῖδες, τῶν οὕτερος μὲν διέφθαρτο, ἦν γὰρ δὴ κωφός, ὁ δὲ ἕτερος τῶν ἡλίκων μακρῷ τὰ πάντα πρῶτος· οὔνομα δέ οἱ ἦν Ἄτυς. τοῦτον δὴ ὦν τὸν Ἄτυν σημαίνει τῷ Κροίσῳ ὁ ὄνειρος, ὡς ἀπολέει μιν αἰχμῇ σιδηρέῃ βληθέντα.

Kroisos hatte aber zwei Söhne, von denen der eine behindert war, er war nämlich taubstumm, der andere aber war unter den jungen Leuten in allem bei weitem der erste. Sein Name war Atys. Diesen Atys nun also bezeichnet Kroisos der Traum, dass er ihn verlieren werde, von einer eisernen Lanze verletzt.

[3] ὃ δ᾽ ἐπείτε ἐξηγέρθη καὶ ἑωυτῷ λόγον ἔδωκε, καταρρωδήσας τὸν ὄνειρον ἄγεται μὲν τῷ παιδὶ γυναῖκα, ἐωθότα δὲ στρατηγέειν μιν τῶν Λυδῶν οὐδαμῇ ἔτι ἐπὶ τοιοῦτο πρῆγμα ἐξέπεμπε· ἀκόντια δὲ καὶ δοράτια καὶ τά τοιαῦτα πάντα τοῖσι χρέωνται ἐς πόλεμον ἄνθρωποι, ἐκ τῶν ἀνδρεώνων ἐκκομίσας ἐς τοὺς θαλάμους συνένησε, μή τί οἱ κρεμάμενον τῷ παιδὶ ἐμπέσῃ.

Als er aufgewacht war und er sich Gedanken machte, führt er aus Furcht vor dem Traum seinem Sohn eine Frau zu und schickte ihn, der doch gewohnt war, die Lyder anzuführen, keinesfalls mehr zu einer solchen Unternehmung. Schleuder- und Wurfspeere und alles dergleichen, was die Menschen für den Krieg benutzen, ließ er aus den Männerräumen entfernen und in den Frauenräumen aufhäufen, damit ihm nicht, was aufgehängt war, auf seinen Sohn falle.

[35.1] ἔχοντι δέ οἱ ἐν χερσὶ τοῦ παιδὸς τὸν γάμον, ἀπικνέεται ἐς τὰς Σάρδις ἀνὴρ συμφορῇ ἐχόμενος καὶ οὐ καθαρὸς χεῖρας, ἐὼν Φρὺξ μὲν γενεῇ, γένεος δὲ τοῦ βασιληίου. παρελθὼν δὲ οὗτος ἐς τὰ Κροίσου οἰκία κατὰ νόμους τοὺς ἐπιχωρίους καθαρσίου ἐδέετο κυρῆσαι, Κροῖσος δέ μιν ἐκάθηρε.

Als er die Hochzeit seines Sohnes ausrichtet, kommt zu ihm nach Sardis ein Mann, der vom Schicksal geschlagen war, und mit unreinen Händen; er war ein Phryger von Abstammung und von königlichem Geschlecht. In Kroisos‘ Palast angekommen bat er gemäß den landesüblichen Gesetzen Entsühung zu erhalten. Und Kroisos entsühnte ihn.

[35.2] ἔστι δὲ παραπλησίη ἡ κάθαρσις τοῖσι Λυδοῖσι καὶ τοῖσι Ἕλλησι. ἐπείτε δὲ τὰ νομιζόμενα ἐποίησε ὁ Κροῖσος, ἐπυνθάνετο ὁκόθεν τε καὶ τίς εἴη, λέγων τάδε·

Es ist aber die Entsühnung bei den Lydern und den Griechen ähnlich. Als Kroisos die Bräuche ausgeführt hatte, fragte er, woher und wer er sei, mit folgenden Worten:

[35.3] "ὤνθρωπε, τίς τε ἐὼν καὶ κόθεν τῆς Φρυγίης ἥκων ἐπίστιός μοι ἐγένεο; τίνα τε ἀνδρῶν ἢ γυναικῶν ἐφόνευσας;" ὁ δὲ ἀμείβετο "ὦ βασιλεῦ, Γορδίεω μὲν τοῦ Μίδεω εἰμὶ παῖς, ὀνομάζομαι δὲ Ἄδρηστος, φονεύσας δὲ ἀδελφεὸν ἐμεωυτοῦ ἀέκων πάρειμι ἐξεληλαμένος τε ὑπὸ τοῦ πατρὸς καὶ ἐστερημένος πάντων."

„Mensch, wer bist du und woher aus Phrygien kommend bist du mein Schutzbefohlener geworden? Und welchen Mann oder welche Frau hast du getötet?“ Der aber antwortete: „Mein König, ich bin der Sohn von Gordias, dem Sohn des Midas, und heiße Adrastos. Ich habe meinen Bruder versehentlich getötet und bin hier, weil ich von meinem Vater verstoßen und von allem enterbt worden bin.“

[35.4] Κροῖσος δέ μιν ἀμείβετο τοῖσιδε· "ἀνδρῶν τε φίλων τυγχάνεις ἔκγονος ἐὼν καὶ ἐλήλυθας ἐς φίλους, ἔνθα ἀμηχανήσεις χρήματος οὐδενὸς μένων ἐν ἡμετέρου, συμφορήν τε ταύτην ὡς κουφότατα φέρων κερδανέεις πλεῖστον."

Kroisos aber antwortete ihm folgendermaßen: „Du bist also Nachkomme von Freunden und bist zu Freunden gekommen, wo dir kein Ding fehlen wird, wenn du bei uns bleibst, und du wirst am besten fahren, wenn du dieses Schicksal möglichst leicht trägst.“

[36.1] ὃ μὲν δὴ δίαιταν εἶχε ἐν Κροίσου. ἐν δὲ τῷ αὐτῷ χρόνῳ τούτῳ ἐν τῷ Μυσίῳ Ὀλύμπῳ ὑὸς χρῆμα γίνεται μέγα· ὁρμώμενος δὲ οὗτος ἐκ τοῦ ὄρεος τούτου τὰ τῶν Μυσῶν ἔργα διαφθείρεσκε. πολλάκις δὲ οἱ Μυσοὶ ἐπ᾽ αὐτὸν ἐξελθόντες ποιέεσκον μὲν κακὸν οὐδέν, ἔπασχον δὲ πρὸς αὐτοῦ.

Und dieser hatte also Aufenthalt bei Kroisos. Aber in derselben Zeit erschien auf dem mysischen Olymp ein großes Exemplar eines Ebers. Dieser kam von diesem Berg und verwüstete die Ländereien der Myser. Oft zogen die Myser gegen ihn aus, aber sie brachten ihm immer wieder kein Übel bei, sondern litten unter ihm.

[36.2] τέλος δὲ ἀπικόμενοι παρὰ τὸν Κροῖσον τῶν Μυσῶν ἄγγελοι ἔλεγον τάδε. "ὦ βασιλεῦ, ὑὸς χρῆμα μέγιστον ἀνεφάνη ἡμῖν ἐν τῇ χώρῃ, ὃς τὰ ἔργα διαφθείρει. τοῦτον προθυμεόμενοι ἑλεῖν οὐ δυνάμεθα. νῦν ὦν προσδεόμεθά σευ τὸν παῖδα καὶ λογάδας νεηνίας καὶ κύνας συμπέμψαι ἡμῖν, ὡς ἄν μιν ἐξέλωμεν ἐκ τῆς χώρης."

Schließlich aber kamen Boten der Myser zu Kroisos und sagten folgendes: „O König, ein sehr großes Exemplar eines Ebers ist uns im Land erschienen, der die Ländereien verwüstet. Bei bestem Willen können wir ihn nicht erlegen. Nun also bitten wir dich, uns deinen Sohn und ausgewählte junge Männer zu schicken, dass wir ihn aus dem Land entfernen.“

[36.3] οἳ μὲν δὴ τούτων ἐδέοντο, Κροῖσος δὲ μνημονεύων τοῦ ὀνείρου τὰ ἔπεα ἔλεγέ σφι τάδε. "παιδὸς μὲν πέρι τοῦ ἐμοῦ μὴ μνησθῆτε ἔτι· οὐ γὰρ ἂν ὑμῖν συμπέμψαιμι· νεόγαμός τε γὰρ ἐστὶ καὶ ταῦτά οἱ νῦν μέλει. Λυδῶν μέντοι λογάδας καὶ τὸ κυνηγέσιον πᾶν συμπέμψω, καὶ διακελεύσομαι τοῖσι ἰοῦσι εἶναι ὡς προθυμοτάτοισι συνεξελεῖν ὑμῖν τὸ θηρίον ἐκ τῆς χώρης."

Sie also baten dies, Kroisos aber erinnerte sich an den Traum und antwortete ihnen folgendes: „Denkt nicht mehr an meinen Sohn; denn ich möchte ihn euch nicht zu Hilfe schicken. Er ist nämlich frischvermählt, und das ist ihm jetzt wichtig. Freilich will ich Ausgewählte der Lyder und das ganze Jagdgefolge schicken und ihnen, wenn sie gehen, befehlen, euch das wilde Tier möglichst eifrig aus dem Lande zu schaffen.“

 

Die Partizipien lassen sich im Dt. mehrfach am gefälligsten mit präpositionalen Wendungen wiedergeben.

Uns gefiel an diesem Text der Ton, der mit seinen fast formelhaften Wiederholungen an die eindringliche Erzählweise des Märchens erinnert.

Frequentativa
Erstmals begegnete uns in [36.1] διαφθείρεσκε und ποιέεσκον Frequentativa, also Verben, die eine wiederholte Handlung audrücken; im Dt. wiederzugeben mit Adverbien wie „immer wieder“, „andauernd“.
Mein Versuch, bei ai online mehr solche Verben genannt zu bekommen, endete kläglich, da die Maschine völlig inkorrekte Wörter selbst bildete (meine erste Erfahrung damit, dass die KI einfach lügt, wenn sie nichts weiß). Letzteres gab mir die Maschine zu, als ich länger mit ihr rechtete.
Bei Gemoll findet man unter F. zu έχω z.B. ἔχεσκον mit der Bemerkung „iterativ“, was dasselbe bedeutet.
In der engl. Wikipedia gibt es quer durch allerlei Sprachen einen langen Artikel zu „Frequentative“.
Zum Griechischen nur dies:
In Homer and Herodotus, there is a past frequentative, usually called "past iterative", with an additional -sk- suffix before the endings.[3]ékhe-sk-on "I used to have" (imperfect ékh-on)
The same suffix is used in
inchoative verbs in both Ancient Greek and Latin.
The infix may occur in the forms -σκ
-, -ασκ-, and -εσκ-. Homer regularly omits the augment. The iterative occurs most often in the imperfect, but also in the aorist.
Zum Lateinischen findet sich da mehr, z.B.
agitāre, ‘put into motion’ (< agere, ‘do, drive’) - clāmitāre, 'keep shouting' (< clāmāre, 'shout') - minitārī, 'keep threatening' (< minārī, 'threaten') - vocitāre, 'be wont to call' / 'keep calling' (< vocāre, 'call').

Nächstes Treffen: Sonntag, 24.09., 10:00 Uhr

Vorbereitung dazu: wie üblich